KURDUUN
Der Ewige Weltenbrand
FRAGMENTE AUS DEM ZYKLUS DER ZEV
gesammelt, kommentiert und mit Anmerkungen versehen von
Seren-0, Dritte Richterin des Risses
“Man hat mich gelehrt, dass ein Stern stirbt, wenn sein Feuer erlischt. Man hat mich belogen. Ein Stern stirbt in dem Moment, in dem er aufhört, das zu sein, was er einst war. So auch eine Welt. So auch ein Volk. So auch ein Gott.”
I · Die verbrannte Wahrheit
Es gibt keine Prophezeiung ohne Preis.
Und es gibt keine Rettung, die nicht irgendwo ihren Ursprung in einer Katastrophe trägt.
Die Chronisten von Eryth-Vaal verbrannten die ersten Aufzeichnungen über die Keth vor beinahe zehntausend Jahren.
Lange glaubte man, sie taten es aus Angst vor einer alten Feindschaft.
Man irrte.
Sie verbrannten sie aus Angst vor der Wahrheit.
Denn die Wahrheit über die Keth war nicht, dass sie immer Monster gewesen waren.
Die Wahrheit war schlimmer.
Sie waren einst keine Monster gewesen.
“Die Archive nennen sie die Diener des Weltenbrandes. Doch kein Archiv vermerkt, was sie davor waren. Kein Name blieb erhalten. Keine Sprache. Keine Erinnerung. Nur die Waffe blieb bestehen.”
II · Die Bitte
Die ersten Aufzeichnungen erzählen nicht von einer Invasion.
Sie erzählen von einem Volk am Ende seiner Existenz.
Eine Spezies, deren Welten starben.
Deren Körper versagten.
Deren Zivilisation vor dem endgültigen Untergang stand.
Sie suchten nach Rettung.
Und sie fanden Vaurekhaan.
“Sie baten nicht um Macht. Sie baten nicht um Herrschaft. Sie baten nur darum, nicht zu verschwinden.”
III · Die Gabe, die auslöschte
Vaurekhaan erfüllte ihre Bitte.
Doch er rettete sie nicht.
Er bewahrte sie nicht.
Er verstand ihren Wunsch auf seine eigene Weise.
Denn für Vaurekhaan bedeutet Existenz nicht Identität.
Ein Leben ist nur eine Form.
Eine Form kann verändert werden.
Eine Form kann verbessert werden.
Eine Form kann ersetzt werden.
Was aus den Keth wurde, war keine Wiedergeburt.
Es war eine Auslöschung, die den Körper weiteratmen ließ.
Ihre Erinnerungen wurden gebrochen.
Ihre Kultur verschwand.
Ihre Namen wurden bedeutungslos.
Das Volk, das um Rettung gebeten hatte, starb in dem Moment, in dem Vaurekhaan ihm Ewigkeit schenkte.
“Das Grausamste an den Keth ist nicht, was sie geworden sind. Das Grausamste ist, dass sie einmal etwas anderes waren.”
IV · Werkzeuge des Weltenbrandes
Die heutigen Keth sind keine Nation.
Keine Armee.
Kein Volk.
Sie sind Werkzeuge des Ewigen Weltenbrandes.
Durch die Risse zwischen Raum und Zeit gelangen sie in fremde Welten.
Nicht um zu erobern.
Nicht aus Hass.
Nicht aus Rache.
Sondern weil dies ihr einziger verbliebener Zweck ist.
Sie tragen den Willen Vaurekhaans weiter.
Sie verändern. Sie verbreiten. Sie bereiten den Weg.
Wo die Keth erscheinen, beginnt der Zerfall dessen, was eine Welt einmal war.
“Man fragt, ob die Keth uns hassen. Diese Frage zeigt nur, dass wir sie noch immer als Wesen betrachten. Hass benötigt ein Selbst. Die Keth besitzen kein Selbst mehr.”
Darum waren die Keth so schwer zu verstehen.
Ihre Opfer sahen keine Armee.
Sie sahen eine Tragödie.
Denn tief unter den Veränderungen, unter den fremden Formen und der Macht Vaurekhaans, lag einst eine Spezies, die nur überleben wollte.
Doch Erinnerung ist keine Erlösung.
Und Mitleid hält keinen Weltenbrand auf.
“Man nennt uns die letzten Erben der Menschheit. Ich sage: Wir sind das, was übrig bleibt, wenn eine Spezies entscheidet, dass Überleben wichtiger ist als alles, was sie einst war.”
V · Der Ursprung der Zev
Die Zev entstanden aus derselben Angst, die einst die Keth erschuf.
Der Angst vor dem Ende.
Doch ihre Antwort war eine andere.
Wo die Keth ihre Existenz Vaurekhaan übergaben, gaben die Zev nur sich selbst auf.
Sie veränderten ihr Fleisch.
Sie verstärkten ihre Körper.
Sie ersetzten Schwäche durch Berechnung.
Sie wurden zu dem, was notwendig war.
Nicht zu Helden.
Nicht zu Rettern.
Sondern zu denjenigen, die blieben, nachdem andere versagt hatten.
Die Zev waren die Ersten, die verstanden, was die Keth wirklich waren.
Nicht eine Armee.
Nicht eine Zivilisation.
Eine verlorene Spezies, verwandelt in eine Waffe.
Doch diese Erkenntnis änderte nichts.
Denn eine Infektion fragt nicht danach, ob sie einst jemand anderes war.
Und ein Feuer fragt nicht, ob das Holz, das es verbrennt, einst lebendig war.
“Sie fragen mich, ob wir Welten retten. Nein. Wir retten keine Welten. Wir entscheiden nur, wann sie nicht mehr gerettet werden können.”
VI · Notwendigkeit
Wenn die Zev eine befallene Welt erreichen, bringen sie keine Hoffnung.
Sie bringen Gewissheit.
Denn sie wissen:
Ein einziger verbliebener Keth kann ausreichen.
Eine einzige Spur.
Eine einzige Zelle.
Ein einziger Riss.
Und alles beginnt erneut.
Darum löschen sie nicht die Keth allein.
Sie löschen alles, was Vaurekhaan berührt hat.
Städte. Ozeane. Kontinente. Erinnerungen.
Nicht aus Grausamkeit.
Aus Notwendigkeit.
“Man fragte mich, ob wir die Monster sind. Ich antwortete: Vielleicht. Aber manchmal ist das Monster das Einzige, was zwischen der Welt und ihrem Ende steht.”
VII · Die Rückkehr
Vor zehntausend Jahren verschwand Vaurekhaan.
Die Alten nannten es einen Sieg.
Doch niemand besiegt etwas, das älter ist als die Erinnerung derer, die es besiegen wollten.
Vaurekhaan wurde nicht vernichtet.
Er wartete.
“Ihr fragt, warum die Risse sich wieder öffnen. Ich sage euch: Sie haben niemals aufgehört zu existieren. Wir haben nur vergessen, wohin sie führen.”
Heute öffnen sich die ersten Risse erneut.
Die Keth kehren zurück.
Die Zev folgen ihnen.
Die einen tragen die verlorene Rettung eines vergessenen Volkes in sich.
Die anderen tragen die Last, sie endgültig auszulöschen.
Zwischen Veränderung und Vernichtung beginnt erneut jenes Zeitalter, dem die Geschichte am Ende nur einen Namen geben wird.
KURDUUN
Der Ewige Weltenbrand
✦ END OF FRAGMENT ✦
Der Rest des Archivs gilt als verloren. Oder, wie die Richter sagen würden: Noch nicht gefunden.